Evolution


Evolution

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Evo|lu|ti|on 〈[ -vo-] f. 20allmähl. Entwicklung, bes. die der Lebewesen von niederen zu höheren Formen [<lat. evolutio „Entwicklung, Entfaltung“]

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E|vo|lu|ti|on [lat. evolvere, evolutum = hervorwinden, entwickeln]: in naturwissenschaftlicher Sicht die Summe der an der Entstehung des Kosmos u. der Lebewesen beteiligten Entwicklungsprozesse, bei denen sich die Phasen der präbiotischen oder chemischen Evolution, der biochemischen Evolution, der Abiogenese u. der biologischen Evolution mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Lebewesen von niederen zu höheren Formen unterscheiden lassen.

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Evo|lu|ti|on, die; -, -en [lat. evolutio = das Aufschlagen (eines Buches), zu: evolvere, evolvieren]:
1. (bildungsspr.) langsame, bruchlos fortschreitende Entwicklung bes. großer od. großräumiger Zusammenhänge; allmähliche Fortentwicklung im Geschichtsablauf:
die E. der Gesellschaftsformen.
2. (Biol.) stammesgeschichtliche Entwicklung von niederen zu höheren Formen des Lebendigen:
die E. der irdischen Fauna.

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Evolution
 
[lateinisch »das Aufschlagen (eines Buches)«, zu evolvere »hervorrollen«, »abwickeln«] die, -/-en, langsame, kontinuierlich fortschreitende Entwicklung (v. a. großräumiger Zusammenhänge); allmähliche, friedliche Fortentwicklung im Geschichtsablauf.
 
 Kosmologie und Kosmogonie
 
Nach den heutigen Auffassungen der Kosmologie setzte vor etwa 10-20 Mrd. Jahren mit dem Urknall eine allgemeine Expansion des Weltalls ein. Die zeitliche Änderung seines physikalischen Zustandes (kosmologische Evolution), die von einem singulären Zustand mit unendlich hoher Energiekonzentration (kosmologische Singularität) ausging, war und ist noch immer durch eine stetige Abnahme der Energiedichte (Temperatur) gekennzeichnet (thermische Evolution). Zwischen etwa 10 und 1 000 s nach der Singularität (Temperatur zwischen etwa 109 und 107 K) wurden Atomkerne (schwerer als die des Wasserstoffs) nach ihrem Entstehen nicht sofort wieder zerstört. Am Ende dieser Kernreaktionsära bestand die kosmische Materie zu etwa 76 % aus Wasserstoff und zu 24 % aus Helium, schwerere Elemente waren praktisch nicht vorhanden. Etwa 300 000 Jahre nach der Singularität (Temperatur rund 3 000 K) trat eine Entkopplung von Strahlung und Materie ein. Dadurch wurde die Bildung von Masseansammlungen, von Sternen und Sternsystemen (kosmogonische Evolution) möglich. Seit dem Entstehen des Milchstraßensystems findet in ihm eine chemische Evolution statt: Massereiche Sterne entwickeln sich schnell zu Supernovae, explodieren und stoßen die in ihnen aus Wasserstoff synthetisierten Elemente in den interstellaren Raum ab (Sternentwicklung), wo sie sich mit dem vorhandenen Gas vermischen und dieses allmählich mit schweren Elementen anreichern. Bei der Bildung der Sonne mitsamt dem Planetensystem vor 4,6 Mrd. Jahren betrug der Masseanteil der Elemente von größerer Schwere als Helium in der Ausgangsmaterie, dem Sonnennebel, etwa 2 %. Sie bildeten das Material, aus dem zunächst Staubteilchen, später größere Festkörper und schließlich Planeten wie die Erde entstanden. Diese wiederum durchlief eine geologische Evolution mit der Bildung von Mineralen und Gesteinen sowie der Ausgasung heißer magmatischer Schmelzen, was die Entstehung einer Uratmosphäre ermöglichte. Im Verlauf dieser Entwicklung traten vor etwa 3 Mrd. Jahren auf der Erde solche Verhältnisse ein, dass sich in chemischen Reaktionen hochmolekulare, später für Lebewesen charakteristische Verbindungen bilden konnten. Vorbedingung dafür war eine Atmosphäre mit nur sehr wenig Sauerstoff, der von der Ultraviolettstrahlung der Sonne durch Photolyse des Wassers gebildet wurde (Urey-Effekt). Die von Sauerstoff und v. a. Ozon absorbierte UV-Strahlung wurde daher in der damaligen Atmosphäre nur wenig geschwächt und konnte als Hauptenergiequelle für die Bildung von größeren organischen Molekülen (v. a. Aminosäuren) in den damaligen Meeren und Gewässern dienen. In diesen waren sie gegen die sie wieder in ihre Bestandteile zerlegende UV-Strahlung geschützt. Erst dadurch konnten sich aus ihnen im Rahmen einer beginnenden biologischen Evolution die als Bausteine für die ersten lebenden Organismen dienenden Makromoleküle entwickeln. Nach M. Eigen beruht die Entstehung des Lebens auf der Selbstorganisation dieser Makromoleküle zu autokatalytischen Hyperzyklen.
 
 
In der Biologie bezeichnet Evolution den Wandel in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Organismen (Phylogenie); sie beginnt mit der einfachsten Lebenserscheinung und setzt sich mit den daraus entstandenen, abgewandelten Organismen in ihrem Artenreichtum fort. Hiermit darf der Begriff Entwicklung (oder Entwicklungsgeschichte) nicht verwechselt werden, welcher sich auf die Veränderungen während der Individualentwicklung (Ontogenie) bezieht. Die Evolution betrifft sowohl alle von den Biowissenschaften erfassbaren, geringen Abweichungen innerhalb einer Art (Mikroevolution, intraspezifische Evolution) als auch diejenigen, durch welche sich Arten und übergeordnete Einheiten (Gattungen, Familien, Ordnungen usw.) unterscheiden (Makroevolution, transspezifische Evolution). Zwischen der Evolution als historischem Vorgang und Evolutionstheorien, die diesen Vorgang erklären sollen, wird nicht immer ein Unterschied gesehen, da in der Wissenschaftsgeschichte diese Theorien nicht nur die Ursachen für den Evolutionsablauf aufzeigen sollen, sondern zugleich auch dessen Existenz.
 
Geschichte des Evolutionsgedankens:
 
Evolutive Vorstellungen, die das Entstehen von Arten aus anderen Arten beinhalten, sind aus der Antike überliefert, aber erst im 19. Jahrhundert wurde begonnen, aufgrund der damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse die Deszendenz der Arten als einen historischen Ablauf zu sehen und dieses durch entsprechende Theorien zu untermauern. Hemmnisse für das Verbreiten von Gedanken über einen Evolutionsprozess waren der dazu im Widerspruch stehende Glaube vieler Religionen an eine Schöpfung und die Annahme, die pflanzlichen und tierischen Geschöpfe seien seit dem Schöpfungsakt unverändert geblieben.
 
Durch die immer genauer werdenden Beobachtungen der Natur wuchs gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Kenntnis über die Tier- und Pflanzenwelt, es traten Zweifel an der Artkonstanz auf (C. von Linné 1776 in der letzten Auflage seiner »Systema naturae«), und Abstammungsgedanken wurden angedeutet (z. B. I. Kant 1790 in seiner »Kritik der Urteilskraft«), ohne dass diese weiterverfolgt wurden. J.-B. de Lamarck war der Erste, der - seit dem Jahr 1800 - die Theorie der Abstammung in Vorlesungen vertrat und sie in seiner »Philosophie zoologique« (1809) konsequent darstellte. Er beließ die hergebrachte Einordnung der Organismen in Stufen, nannte aber Faktoren, welche die Veränderungen in der Generationenfolge bewirkt haben sollen (Lamarckismus). Wenn auch, genau betrachtet, die Lehre Lamarcks nicht immer konsequent ist, verdankt ihr die Wissenschaft das natürliche System, das heißt, die Organismen wurden entsprechend ihrer (vermuteten) Abstammung geordnet. Die lamarckistischen Gedanken zu einer Abstammungstheorie bekamen einen Gegenpol durch den einflussreichen Zoologen G. Baron de Cuvier. Er hielt an der Konstanz der durch Schöpfung entstandenen Arten fest, da an Arten und Rassen im Verlauf der bekannten Menschheitsgeschichte keinerlei Veränderungen, v. a. im Skelettbau, nachzuweisen seien. Fossilien, die er für Reste ausgestorbener Arten hielt, seien Opfer von Katastrophen (Katastrophentheorie), deren letzte etwa 5 000-6 000 Jahre zurückläge (biblische Sintflut). Diese Fehleinschätzung von erdgeschichtlichen Zeiträumen unterstützte die religiös geprägten Vorstellungen. Doch standen ihr in der Folgezeit Erkenntnisse der Anfang des 19. Jahrhunderts aufblühenden Geologie gegenüber. Besonders im Hinblick auf den Evolutionsgedanken in der Biologie ist C. Lyell hervorzuheben. Er begründete mit seinem Werk »Principles of geology« (1830-33, 3 Bände) den Aktualismus, der von der Geologie auch auf andere Wissenschaften zu übertragen ist.
 
C. R. Darwin stand unter dem Einfluss dieses Werkes und desjenigen von T. R. Malthus (»An essay on the principle of population«, 1798, erweitert 1803) während seiner Beobachtungen auf der Reise mit der »Beagle«. Durch die Menge des analysierten Materials erbrachte er den endgültigen Beweis zur Inkonstanz der Arten. Er trug eine Fülle von Fakten aus den seinerzeit bekannten biologischen Disziplinen zusammen, die den Wandlungsprozess der Arten dokumentieren und allein durch die Abstammung ihre natürliche Erklärung finden. Aus diesen Ergebnissen entwickelte Darwin seine Theorie zur Evolution, in der Ursachen und Mechanismen für den Wandlungsprozess genannt werden (Darwinismus). Unabhängig von Darwin kam sein Landsmann A. R. Wallace zu den gleichen Auffassungen in seiner Abhandlung über die Tendenz der Varietäten, unbegrenzt vom Original abzuweichen (»On the tendency of varieties to depart indefinitely from the original type«, 1858). Das Erscheinungsdatum einer knappen systematischen Zusammenfassung von Darwins Theorien, der 14. 11. 1859, gilt seitdem als Anfang der wissenschaftlichen Abstammungslehre.
 
Konsequenterweise ist von Darwin in seine Lehre der Mensch mit einbezogen worden. In seinem Werk »The descent of man, and selection in relation to sex« (1871, 2 Bände) folgerte er an dem seinerzeit verfügbaren Material zurückhaltend, aber sicher begründet die Abstammung des Menschen und der Menschenaffen von gemeinsamen Vorfahren. V. a. diese Publikation löste eine Welle der Empörung aus, die aber eine Verbreitung von Darwins Lehre nicht verhinderte. In besonderer Weise verfochten in England T. H. Huxley mit »Evidence as to man's place in nature« (1863) und in Deutschland E. Haeckel mit »Generelle Morphologie der Organismen« (1866) und »Unsere Ahnenreihe« (1908) die prinzipielle Feststellung von Darwin, dass sich alle Organismen in der Generationenfolge durch sukzessive Änderung wandeln und daher im Lauf der Erdgeschichte in direkter Zeugungskette miteinander verbunden sind.
 
Mit der Wiederentdeckung der mendelschen Vererbungsregeln durch C. E. Correns, H. de Vries und E. Tschermak wurde die Erklärung geliefert für die von Darwin postulierte und durch Fakten belegte, aber noch nicht kausalanalytisch nachgewiesene Variabilität der Arten. Durch weitere Ergebnisse biologischer Wissenschaftsdisziplinen hat sich die ursprüngliche Theorie Darwins zu einer »synthetischen Theorie der Evolution« entwickelt, die impliziert, nicht alle an der Evolution beteiligten Ursachen erfasst zu haben. Sie kann die heute bekannten Erscheinungen klären und künftig bekannt werdende Evolutionsfaktoren aufnehmen. Diese synthetische Theorie löst nicht Fragen, die sich einer naturwissenschaftlichen Methodik entziehen, z. B. nach Sinn oder Ziel der Evolution oder danach, wann der Zufall eintritt, bei dem Mutationen auftreten.
 
Verlauf der Evolution:
 
Im Laufe seiner Stammesgeschichte hat ein Organismus eine Entwicklung von einfach organisierten zu komplex organisierten Strukturen erfahren, was als »Höherentwicklung« in der Evolution (Anagenese) bezeichnet wird. Dies betrifft nicht nur morphologische Strukturen, sondern auch physiologische einschließlich der Leistungsmöglichkeiten des Zentralnervensystems, die sich u. a. im Verhalten äußern, welches entweder in geschlossenen Programmen abläuft (angeborenes Verhalten) oder in offenen Programmen mit Lernprozessen und Denkfähigkeiten zum Ausdruck kommt. Dies erweckt den Eindruck, die Evolution sei gerichtet, und zwar auf eine zu erreichende Verbesserung von Strukturen (teleologische Evolution). Doch wird diese Betrachtungsweise von vielen Wissenschaftlern abgelehnt, da ein künftiger Zweck mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erfassbar ist. Ebenso ist ein übergeordnetes Prinzip (»Entelechie«) nicht nachweisbar, das zweckmäßig und zielgerichtet den Prozess lenken könnte. Die teleonomische Betrachtungsweise hingegen beruht auf der reproduzierbaren Beobachtung tatsächlich ablaufender Prozesse und kann so kausale Faktoren für den Evolutionsprozess aufzeigen.
 
Wesentlich für das Verständnis zum Ablauf der Evolution sind Mutationen, die nach derzeitigem Kenntnisstand spontan mit einer Rate von 10-5 bis 10-7 pro Gen auftreten. Experimentell lässt sich die Mutationsrate durch erhöhte Temperatur sowie bestimmte Strahlen oder Chemikalien erhöhen. Bei Gameten können 2 % bis 4 % Träger eines oder mehrerer mutierter Gene sein, wobei jedoch die meisten Mutationen ausgeschaltet werden, da sie sich sofort negativ auswirken. Erlaubt aber die aktuelle Situation, dass Mutationen weitervererbt werden, ist ihr Fortbestand zunächst gesichert, und zwar umso mehr, je vorteilhafter sie sich auswirken. So treten immer wieder neue Varianten auf, wodurch die Evolution in viele Richtungen verläuft und vielfach auch in Sackgassen endet, wie z. B. ausgestorbene Formen bezeugen. Der evolutive Fortschritt ergibt sich allein daraus, dass die Veränderung einer Struktur in der aktuellen Situation einen Vorteil, zumindest keinen Nachteil bietet und dass diese Situation lange genug fortdauert, um die aktuelle Chance zum Zeugen vieler Nachkommen zu nutzen. Weil aber jegliche Mutationen spontan und völlig willkürlich in ihrer Ausprägung auftreten, ist letztlich das Ergebnis der Evolution zufällig, selbst wenn nach menschlichem Ermessen durch einen Evolutionsschritt ein neuer Wert entstanden ist.
 
Die Geschwindigkeit, in der Evolutionsschritte aufeinander folgen, ist äußerst unterschiedlich. Lebt ein Organismus in einer nahezu konstanten Umwelt, kann seine Form über mehrere erdgeschichtliche Epochen fast unverändert bleiben. Unterliegt der Lebensraum Veränderungen, müssen sich die Organismen, um zu überleben, diesen neuen ökologischen Bedingungen anpassen, z. B. durch unterschiedliche Spezialisierung (adaptive Radiation). Dabei erhalten sie neue Qualitäten, die auch eine Vereinfachung oder Reduzierung von Strukturen sein können und in der Regel eine verbesserte Anpassung bewirken. Wegen teilweise ähnlicher äußerer Bedingungen entwickeln sich gelegentlich auf unterschiedlichen Wegen bei verschiedenen Arten Ähnlichkeiten von Strukturen, die sich entweder allein in der Funktion (Analogien) oder in ihrem ererbten Bauplan und in ihrer Funktion (Konvergenzen) äußern. Die Komplexität der entstandenen Merkmale einer Art ist jedoch einmalig. Die Abfolge neu auftretender Formen hängt in erster Linie von der Geschwindigkeit der Veränderungen im Lebensraum ab und davon, ob die Mutationen in der Generationenfolge für einen Wandlungsprozess ausreichen. Ist dies der Fall, treten in erdgeschichtlich ereignisreichen Epochen neue Arten auf, andere verschwinden.
 
Auch der Mensch ist ein (zufälliges) Ergebnis der Evolution. Es vereinbart sich jedoch meist nicht mit seinem Selbstgefühl, »dass er mit allen seinen Belangen dem kosmischen Geschehen so absolut gleichgültig ist« (K. Lorenz, 1983). Daher ist es verständlich, wenn in Abwehr gegen die nicht auf die Besonderheiten des Menschen gerichtete Erkenntnis von der Evolution andersartige Vorstellungen vertreten werden. So lehrt der v. a. aus dem christlichen Sektenwesen in den USA stammende Kreationismus die Schöpfung der Arten, weil sie durch die Schöpfungsgeschichte in der Bibel verkündet wird. Die naturwissenschaftlichen Axiome werden für die Vergangenheit geleugnet, da in dieser ihre Gültigkeit nicht überprüft werden könne. So bleibt allein die göttliche Offenbarung der Bibel als Antwort auf die Frage nach dem Ursprung. Evolution und (christlicher oder biblischer) Glaube von heute gültigen Lehren der verschiedenen Religionen sind aber keine Gegensätze. Die Frage nach dem Ursprung ist letztlich eine Glaubensentscheidung. Entweder stehen am Anfang des irdischen und/oder kosmischen Seins allein die Gesetze, nach denen sich Energie und Materie verhalten, oder ein Schöpfer (ein Gott) hat sie erschaffen und wacht über die Einhaltung der ihnen verliehenen Gesetzmäßigkeiten. Mit letzterer Auffassung kann die Evolution der Schöpfung gleichgesetzt werden (M.-J. P. Teilhard de Chardin), und jeder Evolutionsschritt ist ein vom Schöpfer bestimmter Akt.
 
Die Evolution der Tiere und des Menschen betrifft nicht allein deren morphologische Erscheinung. Ebenso haben sich mit den Nervenstrukturen deren Leistungen dahingehend verändert, dass besonders der Mensch in zunehmendem Maß beobachtbare Fakten in logischen Zusammenhang zu setzen in der Lage ist (Lern- und Denkvermögen); das Anwenden dieser Fähigkeit hat dem Menschen vielfach zum Verbessern seiner Lebenssituation im Laufe der Menschheitsgeschichte verholfen. Folglich kann die gesamte geistige Welt inklusive aller Kulturen auch als ein Evolutionsprodukt verstanden werden. Wie sich aus der geistigen Welt heraus jeder Evolutionsschritt als ein Wertzuwachs im Sinne einer Erkenntnis auffassen lässt, ist auch eine kausalanalytische Erkenntnis, die zu einer Änderung des Weltbildes führt, wie z. B. die Gesetze von J. Kepler und G. Galilei oder die Anerkennung der Evolution als historischen Vorgang aufgrund der Fakten und der Evolutionstheorien, ein Evolutionsschritt in der Geisteswelt. Erfassbare morphologische Merkmale und die Komplexität der Verhaltensmuster, auch die Verschiedenartigkeit der geistigen Denkstrukturen erlauben trotz gelegentlich angedeuteter Tendenzen keine Vorhersage über einen künftigen Wandel, sei es in rein organischen Bereichen, sei es in der geistig-kulturellen Welt. Dieser hängt von den zufälligen Veränderungen an diesen Strukturen ab und ob diese sich dann in der bestehenden oder in einer sich verändernden Umwelt behaupten können.
 
 
In der Philosophie wurden im Wesentlichen zwei Modelle der stetigen Entwicklung betrachtet: die Vorstellung der linearen, irreversiblen Entwicklung, die meist eng mit der Fortschrittsidee verbunden ist, und die Vorstellung eines unendlichen Kreislaufs, die schon die griechisch-antike Auffassung von Natur und Geschichte bestimmte und für die F. Nietzsche die Wendung »ewige Wiederkehr des Gleichen« geprägt hat. Die Untersuchungen von T. S. Kuhn in den 1970er-Jahren zum Paradigmenwechsel, aufgefasst als unstetige Aufeinanderfolge grundlegend geltender Erklärungsmodelle der Welt, bringen erstmals in der Wissenschaftsgeschichte unstetige Evolutionen (»Revolution«) ins Spiel.
 
Grundlegend für die Wissenschaftsgeschichte wurde der von C. Darwin in die Biologie eingeführte Evolutionsgedanke. Die materialistischen Theorien von Cécile Vogt, J. Moleschott, L. Büchner, v. a. jedoch der religiöse Monismus E. Haeckels verhalfen dem Darwinismus zur Verbreitung und waren wegbereitend für seine allmähliche Einführung als Erklärungsmodell in nahezu allen Wissenschaften (z. B. Nationalökonomie, Politik, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Ethik). Haeckels Anliegen, den Kosmos aus einer einzigen Substanz zu erklären, reduzierte alle Phänomene, so auch Geist, Bewusstsein und moralisches Verhalten, auf Naturerscheinungen und erklärte menschliches Handeln als determiniert. Mit dem Anspruch, die gesamte Wirklichkeit, auch menschliches Handeln, auf individueller, gesellschaftlicher, politischer und historischer Ebene naturgesetzlich zu verstehen, gewinnt der Evolutionsgedanke als Weltbild (»evolutionäres Weltbild«) v. a. seit den 1930er-Jahren zunehmend an Einfluss. Dabei werden drei bisher abgelaufene und weiterhin gleichzeitig, jedoch in unterschiedlichen Zeiträumen ablaufende Evolutionsprozesse unterschieden: eine Evolution des Kosmos, eine Evolution des Lebens und eine Evolution des Menschen, die auch die Evolution des Geistigen (wie Sprache und Bewusstsein) und des Sittlichen (wie Kultur) umfasst. Ausgangspunkt der evolutionären Theoriebildungen ist die Frage nach den Entstehungsbedingungen und -möglichkeiten des jeweils grundlegend Neuen (der Entstehung der Materie und auch der Naturgesetze durch den Urknall, des Lebens aus Nicht-Lebendigem, des Bewusstseins aus Nicht-Bewusstsein, des Sittlichen aus Nicht-Sittlichem). So versucht die Biologie (M. Eigen) unter Einbeziehung von Informatik und Kybernetik Leben, das u. a. durch Selbstreplikation gekennzeichnet wird, aus der Selbstorganisation von Makromolekülen herzuleiten. Der Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis geht die evolutionäre Erkenntnistheorie nach. Sprache wird hier u. a. als eine Konsequenz des Bewusstseins, Bewusstsein als ein »hochkomplexes Zerlegungsmuster« im Gehirn aufgefasst, welches auch die Existenz des eigenen Organismus anzeige. Moralisches Verhalten ist als Teilgebiet tierischen Sozialverhaltens Gegenstand der Soziobiologie, wobei einzelne Verhaltensweisen (z. B. Altruismus) allein aus ihrer Selektionsfunktion für den Einzelnen oder die Gruppe als zweckmäßig erkannt werden. Unter dem Anspruch einer einheitlichen und vollständigen Naturerklärung gilt vielfach der christliche Schöpfungsbegriff als überwunden; teleologische (das heißt auf die Zielgerichtetheit von Entwicklung deutende) Erklärungsmodelle werden durch teleonomische (kausale Zweckmäßigkeit aufweisende) ersetzt. - Das »evolutionäre Weltbild« wird vielfältig kritisiert. Die Kritik richtet sich gegen die Verallgemeinerung des Darwinismus, den Anthropomorphismus in der Definition seiner Begriffe (z. B. »Materie«, »Naturgesetz«, Begriffe des Sozialverhaltens) und die Zirkularität seiner Argumentation (R. Spaemann und R. Löw). Der als Ergebnis der menschlichen Stammesentwicklung erklärte Kausalitätsbegriff müsse, ebenso wie andere Erkenntniskategorien, als Erklärungsgrundlage ihrer Evolution jeweils schon vorausgesetzt werden. Weiterhin liege dem Kausalitätsbegriff stets schon ein (teleologischer) Begriff menschlichen Handelns zugrunde: Ohne die prinzipielle Möglichkeit der gezielten Variation einer Bedingung, um nachzuweisen, dass zwei Ereignisse kausal miteinander verknüpft sind, lässt sich nur ein fließendes Aufeinanderfolgen von Dingen festhalten. Hingewiesen wird kritisch auf den Bedingungscharakter des Ergebnisses von der jeweiligen Definition der zugrunde gelegten Begriffe Leben, Bewusstsein und Sittlichkeit. Leben lässt sich letztlich nur aus dem teleologischen Selbstvollzug menschlichen Lebens verstehen und erschöpft sich nicht in materiellen Prozessen (z. B. Selbstregulation), deren es sich als einer Bedingung immer auch bedient. Wird Bewusstsein allein genetisch erklärt, ergibt sich die relative Geltung aller kontrovers vertretenen Theorien (»Programme«); der Wahrheitsanspruch des Evolutionsgedankens wäre damit aufgehoben. Mit der Auffassung des Bewusstseins als innerer Spiegel der Außenwelt (K. Lorenz) lässt sich (bewusste) Erkenntnis nicht erklären, weil das Erkenntnissubjekt, auf das jegliche Information als solche bezogen ist (Identität des Bewusstseins), ausgegrenzt wird. Sittliches Verhalten kann nicht erschöpfend als genetisch bedingter Selektionsvorteil im Sinne der Arterhaltung verstanden werden. Die Begriffe evolutionärer Erklärungsmodelle verweisen nach Spaemann auf eine teleologische Grundlage, die nicht aus Materie und Naturgesetzen erklärt werden kann (z. B. das »Neue«, die »Freiheit«).
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Abstammungslehre · anthropisches Prinzip · Darwinismus · evolutionäre Erkenntnistheorie · Geologie · Katastrophentheorie · Lamarckismus · Teleologie
 
 
E. Mayr: E. u. die Vielfalt des Lebens (a. d. Engl., 1979);
 E. Mayr: Die Entwicklung der biolog. Gedankenwelt. Vielfalt, E. u. Vererbung (a. d. Engl., 1984);
 
E. Die Entwicklung von den ersten Lebensspuren bis zum Menschen, bearb. v. E. Mayr: (71988);
 H. Follmann: Chemie u. Biochemie der E. Wie u. wo entstand das Leben? (1981);
 M. Martin: Die Frage aller Fragen: Woher kommt der Mensch? (1983);
 A. Unsöld: E. kosm., biolog. u. geistiger Strukturen (21983);
 
Die E. des Denkens, hg. v. K. Lorenz u. F. M. Wuketits (21984);
 
E.-Theorie u. Schöpfungsverständnis, hg. v. P. Kaiser u. a. (1984);
 E. Schoffeniels: Anti-Zufall. Die Gesetzmäßigkeit der E. biolog. Systeme (a. d. Frz., 1984);
 A. E. Wilder Smith: Die Naturwiss.en kennen keine E. Empir. u. theoret. Einwände gegen die E.-Theorie (Basel 51985);
 
Evolutionismus u. Christentum, hg. v. R. Spaemann u. a. (1986);
 
E. Bedingungen - Resultate - Konsequenzen, hg. v. R. Siewing (31987);
 
Der Gang der E. Die Gesch. des Kosmos, der Erde u. des Menschen, hg. v. F. Wilhelm (1987);
 U. Höntsch: Glaube an E. oder Schöpfung? (1987);
 R. Riedl: Kultur - Spätzündung der E.? (1987);
 U. Kull: E. (Neudr. 1988);
 
Ordnung aus dem Chaos. Prinzipien der Selbstorganisation u. E. des Lebens, hg. v. B.-O. Küppers (31991);
 R. Spaemann u. R. Löw: Die Frage Wozu? Gesch. u. Wiederentdeckung des teleolog. Denkens (31991);
 E. Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschl. Geist (Neuausg. 1992);
 
E. des Menschen, hg. v. B. Streit (1995);
 F. M. Wuketits: Evolution. Die Entwicklung des Lebens (2000);
 P. Weingartner: Evolution als Schöpfung? Ein Streitgespräch zwischen Philosophen, Theologen u. Naturwissenschaftlern (2001).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Kosmologie und Weltmodelle
 
kosmischer Materiekreislauf und Evolution der Materie
 
Leben auf der Erde: Von der Uratmosphäre zu den ersten Lebewesen
 
Evolution: Vielzellige Lebewesen erscheinen
 
Kambrium: Die Lebenswelt im Kambrium
 
Evolution: Pflanzen erobern das Festland
 
Evolution: Tiere erobern das Festland
 
Saurier: Warum starben sie aus?
 
Evolution: Der Ursprung der Reptilien
 
Dinosaurier: Zu Lande und in der Luft
 
Evolution: Die Vögel
 
Evolution: Lebende Fossilien
 
Evolution: Die Entwicklung der Säugetiere
 
Säugetiere: Merkmale, Lebensräume, Systematik
 
Evolution: Der Mensch erscheint
 
Affen als Urahnen des Menschen
 
Australopithecinen: Die ersten Hominiden
 
Homo habilis und Homo rudolfensis: Die ersten Menschen
 
Homo erectus: Funde und Fundstellen
 
Homo erectus: Kennzeichen und Evolution
 
Homo erectus: Seine Kultur
 
Mensch: Wo entstand der moderne Mensch?
 
Neandertaler: Dem modernen Menschen recht ähnlich
 
Mensch: Entwicklungslinien in Afrika
 
Mensch: Entwicklungslinien im Fernen Osten und in Australien
 
Mensch: »Out of Africa« - der Ursprung des modernen Menschen
 
Mensch: Der moderne Mensch erobert die Erde
 
Systematik: Verbindung von Klassifikation und Evolution
 
Darwin: Die Evolution der Lebensformen
 

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Evo|lu|ti|on, die; -, -en [lat. evolutio = das Aufschlagen (eines Buches), zu: evolvere, ↑evolvieren]: 1. (bildungsspr.) langsame, bruchlos fortschreitende Entwicklung bes. großer od. großräumiger Zusammenhänge; allmähliche Fortentwicklung im Geschichtsablauf: die E. der Gesellschaftsformen; alle diese Elemente ... bewirkten dennoch eine erstaunliche E. der Partei (W. Brandt, Begegnungen 289). 2. (Biol.) stammesgeschichtliche Entwicklung von niederen zu höheren Formen des Lebendigen: die E. der irdischen Fauna; im Verlaufe der E.; die Entstehung der Arten durch E.

Universal-Lexikon. 2012.

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